Juli 2014 | FAZ
30.06.2014

Kultusminister-Beschluss: Wiederbelebung wird Schulstoff

Die Maßnahme soll im Jahr mindestens 5000 Menschen das Leben retten: In Deutschland sollen Schüler künftig von der siebten Klasse an systematisch in Reanimation trainiert werden. Andere Länder sind da schon viel weiter.

30.06.2014, von Joachim Müller-Jung

 

Von der siebten Klasse an sollen die Kinder an Deutschlands Schulen künftig jedes Jahr zwei Stunden Wiederbelebungstraining erhalten. Das hat der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz der Länder auf seiner 395. Sitzung in Düsseldorf beschlossen. Damit will man die Zahl der plötzlichen Herztode senken. Deutschland ist, was die Erste Hilfe angeht, Schlusslicht in Europa. Obwohl bei einem Herzstillstand hierzulande in fast zwei Drittel der Fälle Personen anwesend sind, beginnen diese nur in jedem dritten Fall mit Wiederbelebung. Schon drei bis fünf Minuten nach einem Herzstillstand treten aber schwere Gehirnschädigungen ein.

(Autor: Joachim Müller-Jung, Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.)

 

Folgen:

Jedes Jahr kommt es im Land zu etwa 70.000 Wiederbelebungsmaßnahmen. Mit konsequenter Schulung von Laien könnte die Überlebensrate von zurzeit zehn Prozent auf 18 Prozent gesteigert werden. „Jährlich könnten mit mehr Laien-Reanimation 5600 Menschenleben gerettet werden“, sagt der Münsteraner Mediziner und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin Hugo van Aken. Zum Vergleich: Die Zahl der Verkehrstoten im Land liegt bei jährlich rund 3200.

 

In Dänemark hat sich die Überlebensrate verdoppelt

Die Entscheidung, den Schulen eine Lehrerfortbildung für ein Wiederbelebungstraining zu empfehlen, geht auf eine Initiative der deutschen Anästhesisten-Verbände zurück. Van Aken hat mit Kollegen seit 2006 in Nordrhein-Westfalen das Projekt „Schüler werden Lebensretter“ vorangetrieben und wissenschaftlich begleitet. Mit zwei Stunden Unterricht im Jahr sei ein dauerhafter Lerneffekt erreicht worden. „Das wiederholte Training sollte vor der Pubertät beginnen“, sagt van Aken. Zwei Stunden genügten für den Lernstoff, eine jährliche Auffrischung sei allerdings auch geboten, dann prägten sich die leicht zu vermittelnden Schritte der Reanimation am besten ein. Zudem dienten Lehrer und Kinder als Multiplikatoren.

 

In Dänemark, das im Jahr 2005 mit dem Erste-Hilfe-Unterricht an Schulen begann, stieg die Wiederbelebungsrate innerhalb von fünf Jahren von 20 auf 45 Prozent, die Überlebensrate verdoppelte sich. In den Vereinigten Staaten ist ein Wiederbelebungstraining in 37 von 50 Bundesstaaten gesetzlich vorgeschrieben.

 

© Circle Comm Die drei Reanimationsschritte

 

Die deutschen Berufsverbände der Anästhesiologen und Notfallmediziner arbeiten seit gut zehn Jahren an dem Schulprojekt „Wiederbelebung als Pflichtthema in den Schulen“. Die Schulungserfolge der Lebensretter, das haben die Pilotprojekte in Nordrhein-Westfalen gezeigt, lassen sich schon in den ersten beiden Trainingsstunden erzielen.

 

Im Grunde geht es um drei Schritte: „Prüfen“ der Atmung, „Rufen“ der Notrufnummer 112, „Drücken“ des Brustkorbs mit einer Frequenz von mindestens hundertmal pro Minute. Auch das Wiederbeleben mit einem Wechsel von Herzmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung wird trainiert. Zuletzt hatte van Akens Initiative im September vergangenen Jahres einen spektakulären Auftritt: Auf dem Schlossplatz von Münster wurde ein Training in Wiederbelebung mit mehr als 12.000 Schülern veranstaltet.

 

 

Quelle FAZ.Net

zurück zur Übersicht